Am 25. März 2026 hat der Finanzausschuss des Bundestags grünes Licht gegeben. Das Altersvorsorgereformgesetz ist durch. Riester stirbt. Das Altersvorsorgedepot kommt. Und die Politik feiert sich dafür.
Ich feiere nicht.
Nicht weil ich grundsätzlich dagegen wäre. Das neue System hat tatsächlich Punkte, über die man ernsthaft nachdenken kann. Aber weil zwischen dem, was die Politik verspricht, und dem, was in der Praxis ankommt, oft ein ziemlich großer Graben liegt. Und diesen Graben möchte ich dir heute zeigen.
Also: Was ändert sich ab 2027 wirklich? Was steckt hinter der neuen Förderlogik? Warum macht mir ein bestimmter Punkt dabei ehrlich gesagt ziemlich Sorgen? Und für wen könnte das neue Depot trotzdem sinnvoll sein?
Erstmal zum Hintergrund: Warum überhaupt eine Reform?
Riester ist gescheitert. Das ist jetzt keine steile These, das ist Konsens – auch in der Politik. Zu komplex, zu teuer, zu unflexibel. Millionen von Verträgen wurden abgeschlossen, viele davon liegen heute irgendwo in einer Schublade, beitragsfrei gestellt oder schlicht vergessen.
Das Grundproblem war aber nicht nur die Komplexität. Es war auch, dass ein System mit 100 Prozent Beitragsgarantie in einer Niedrigzinsphase schlicht nicht funktioniert. Die Versicherer mussten das Geld so konservativ anlegen, dass am Ende eine Rendite rauskam, die man auch unter der Matratze hätte erreichen können. Dazu kamen hohe Abschlusskosten, unübersichtliche Zulagenbeantragung über die Zentrale Zulagenstelle für Altersvermögen und ein Produkt, das niemand wirklich verstanden hat – inklusive der Leute, die es verkauft haben.
Der Riester-Rente fehlte am Ende aber nicht nur Rendite. Sie fehlte auch Relevanz. Wenn jemand nicht versteht, warum er etwas abschließt, stellt er es irgendwann beitragsfrei. Und genau das ist millionenfach passiert.
Das neue System will das anders machen. Garantien weg, ETFs rein, Kosten runter, Förderstruktur vereinfachen. Das sind auf dem Papier alles richtige Ansätze.
Aber.
Die neue Förderlogik: Beitragsproportional, klingt gut – ist aber nicht für jeden gut
Ab dem 1. Januar 2027 gilt eine neue Förderstruktur. Kein fester Sockelbeitrag mehr, keine 4‑Prozent-vom-Vorjahreseinkommen-Rechnung. Stattdessen: proportionale Förderung. Je mehr du einzahlst, desto mehr bekommst du.
Konkret sieht das so aus:
Grundzulage (§ 84 EStG): Auf die ersten 360 Euro Eigenbeitrag pro Jahr gibt es 50 Prozent Zulage vom Staat – also 180 Euro, wenn du 30 Euro im Monat einzahlst. Auf jeden weiteren Euro bis zu einem Jahresbeitrag von 1.800 Euro gibt es 25 Prozent obendrauf. Wer die vollen 1.800 Euro ausschöpft, bekommt insgesamt 540 Euro Grundzulage im Jahr.
Kinderzulage (§ 85 EStG): Pro Kind gibt es 100 Prozent des eingezahlten Eigenbeitrags als Zulage, maximal 300 Euro pro Kind. Wer also 25 Euro im Monat einzahlt und zwei Kinder hat, bekommt bis zu 600 Euro Kinderzulage – zusätzlich zur Grundzulage. Das ist gegenüber Riester tatsächlich eine deutliche Verbesserung.
Mindesteigenbeitrag (§ 86 EStG): Mindestens 120 Euro im Jahr müssen rein, sonst fließt gar nichts.
Klingt überschaubar. Und die Vereinfachung gegenüber Riester ist real – das muss ich zugeben. Keine Einkommensberechnung, keine Sonderfälle für Beamte, keine Zulagenbeantragung über einen separaten Antrag. Das ist tatsächlich besser.
Aber schau dir mal an, wem diese Förderlogik wirklich hilft.
Nehmen wir zwei konkrete Beispiele. Person A verdient 60.000 Euro im Jahr und kann problemlos 150 Euro im Monat einzahlen. Sie schöpft die vollen 1.800 Euro aus und bekommt 540 Euro Grundzulage. Ihr effektiver Eigenaufwand nach Förderung: 1.260 Euro im Jahr.
Person B verdient 22.000 Euro im Jahr, hat kaum Spielraum und zahlt 20 Euro im Monat ein. Sie zahlt 240 Euro im Jahr ein und bekommt 120 Euro Grundzulage. Ihr effektiver Eigenaufwand nach Förderung: 120 Euro. Das klingt nach einem guten Deal – ist es auch, prozentual gesehen. Aber die absolute Summe, die am Ende für die Rente übrig bleibt, ist verschwindend gering. 120 Euro Eigenaufwand pro Jahr, über 40 Jahre, mit angenommener Rendite – das ergibt keine relevante Altersvorsorge. Es ergibt ein schlechtes Gewissen, weil man etwas getan hat, und trotzdem eine Rentenlücke im Alter.
Diese Förderlogik hilft denen, die ohnehin schon sparen können. Das System klingt gerecht, weil es für alle gleich funktioniert. Ist es aber nicht.
Das ist kein neues Problem, das Problem hatte Riester auch. Aber neu gelöst wurde es nicht. Wer Altersvorsorge wirklich für alle zugänglich machen will, bräuchte eine andere Mechanik – zum Beispiel einen Mindestzuschuss unabhängig vom Eigenbeitrag. Den gibt es hier nicht.
Das Standarddepot: Gut gemeint, aber wer erklärt es?
Das Herzstück der Reform ist das sogenannte Standardprodukt – im Gesetz oft als Standarddepot bezeichnet. Die Idee dahinter: ein reguliertes, kostengünstiges Basisprodukt, das jeder nutzen kann. Kein Vertrieb, kein Kleindruck, kein Chaos.
Klingt gut. Und ich sage das nicht ironisch – die Idee, ein einfaches Basisprodukt zu schaffen, das ohne Beratung abgeschlossen werden kann, ist nicht falsch. Für Menschen, die wissen was sie tun, kann ein solches Produkt sinnvoll sein.
Das Gesetz begrenzt die Effektivkosten des Standarddepots auf 1,0 Prozent. Ursprünglich war 1,5 Prozent im Gespräch – der Finanzausschuss hat kurz vor der Abstimmung nochmal nachgeschärft. Zur Einordnung: Effektivkosten sind keine direkte Gebühr, sondern eine Kennzahl. Sie geben an, um wie viele Prozentpunkte pro Jahr die Gesamtkosten – also Abschlusskosten, Verwaltungskosten, Fondskosten zusammen – die erzielte Rendite mindern. Ein Deckel von 1,0 Prozent klingt nach wenig. Und das ist auch die Absicht.
Aber dann kommen die Details.
Das eigentliche Problem: Beratung wird unwirtschaftlich
Dazu kommt eine zweite Regelung: Die Abschlusskosten – und damit die Vermittlervergütung – müssen gleichmäßig auf die gesamte Vertragslaufzeit verteilt werden. Also kein nennenswerter Betrag beim Abschluss, sondern gestreckt über 30, 40 Jahre.
Beides zusammen – niedriger Deckel, lange Streckung – klingt für den Kunden erstmal fair und transparent. Und ja, vom Kostenausweis her ist das auch verständlich.
Aber stell dir mal vor, das würde in anderen Bereichen genauso funktionieren.
Du kaufst ein Auto. Der Händler darf aber seine Marge nicht beim Verkauf einpreisen – er bekommt sie in kleinen Raten über die nächsten zehn Jahre ausgezahlt, gedeckelt auf einen Bruchteil des Kaufpreises. Ob der Händler morgen noch existiert, ist sein Problem. Du baust ein Haus. Der Architekt darf sein Honorar nicht beim Projektabschluss abrechnen – er bekommt es über die Nutzungsdauer des Gebäudes verteilt, irgendwann in den nächsten 30 Jahren. Du gehst zum Steuerberater. Er darf seine Stundensätze nicht beim Termin abrechnen – er bekommt sie auf die Laufzeit deines nächsten Steuerbescheids gestreckt.
Klingt absurd? Ist es auch.
Und trotzdem ist das die Logik, die der Gesetzgeber hier für die Altersvorsorgeberatung etabliert. Die Beratungsleistung passiert heute. Der Aufwand entsteht heute. Die Haftung entsteht heute – und bleibt jahrzehntelang bestehen. Die Vergütung dafür kommt in homöopathischen Dosen über Jahrzehnte, wenn überhaupt.
Das ist betriebswirtschaftlich nicht darstellbar. Kein Beratungsunternehmen kann so arbeiten. Nicht mit Personal, nicht mit Haftpflichtversicherung, nicht mit all dem Aufwand, der hinter einer ordentlichen Beratung steckt.
Die logische Konsequenz: Wer berät, tut das entweder gegen Honorar – oder gar nicht.
Honorar klingt transparent und fair. Ich finde Honorarberatung grundsätzlich auch nicht falsch – es gibt Kollegen, die das gut machen, und Kunden, für die das das richtige Modell ist. Aber schau dir an, wer sich das strukturell leisten kann und wer nicht.
Menschen mit gutem Einkommen, die ohnehin schon wissen dass sie vorsorgen sollten, zahlen gerne 150 oder 200 Euro für eine Beratungsstunde. Sie haben das Geld, und sie verstehen den Wert dahinter. Menschen mit 22.000 Euro Jahreseinkommen, die eine Anleitung bräuchten um überhaupt anzufangen, zahlen diese 150 Euro nicht. Nicht weil sie nicht wollen – sondern weil es für sie schlicht nicht im Budget ist.
Das Ergebnis: Die, die Beratung am meisten bräuchten, bekommen sie am wenigsten. Das Altersvorsorgedepot wird damit strukturell zu einem Produkt für Menschen, die sich ohnehin schon auskennen.
Das PEPP-Déjà-vu: Diese Geschichte kennen wir schon
An dieser Stelle möchte ich kurz auf ein europäisches Experiment hinweisen, das kaum jemand kennt – und das genau das ist das Problem.
Das Pan-European Personal Pension Product, kurz PEPP, wurde 2019 von der EU eingeführt. Die Idee: ein standardisiertes, kostengünstiges, grenzüberschreitendes Altersvorsorgeprodukt für alle EU-Bürger. Kostendeckel bei einem Prozent. Einfache Struktur. Theoretisch für jeden zugänglich.
Heute, Jahre später, hat praktisch kaum jemand ein PEPP. Nicht weil das Produkt schlecht wäre – sondern weil ohne wirtschaftlichen Anreiz für Berater und Vertrieb kein Produkt jemals zu den Menschen kommt, die es brauchen. Altersvorsorge wird nicht gekauft. Sie wird erklärt, empfohlen, begleitet. Und wer diese Erklärung, Empfehlung und Begleitung nicht finanziert, bekommt sie nicht.
Das neue Altersvorsorgedepot läuft Gefahr, denselben Weg zu gehen. Gut gemeint, technisch ordentlich konstruiert, und am Ende kennt es in zehn Jahren kaum jemand.
Ich sage das nicht um die Reform schlechtzureden. Ich sage das weil ich die Mechanik kenne, und weil ein Blick auf PEPP zeigt, wohin dieser Weg führt.
Der Staat als Produktanbieter: Moment mal.
Noch ein Punkt, der mir sauer aufstößt.
Das Gesetz erlaubt es der Bundesregierung, einen öffentlichen Träger als Anbieter des Standarddepots einzusetzen. Der Staat kann also selbst Anbieter sein.
Ich habe da ehrlich gesagt ein Problem damit – nicht aus Prinzip, aber wenn derselbe Staat, der die Spielregeln festlegt, gleichzeitig selbst mitspielt, dann ist das ordnungspolitisch zumindest erklärungsbedürftig. Wenn private Anbieter unter einem Kostendeckel arbeiten müssen, der kaum Marge lässt, und gleichzeitig ein staatlicher Träger ohne denselben Renditedruck antritt – ist das dann noch fairer Wettbewerb?
Und wenn ich überlege, wie das gesetzliche Rentenniveau in den letzten Jahrzehnten aussah, wie oft die Rentenpolitik verändert wurde, wie die Diskussionen über das Rentenalter laufen – dann frage ich mich: Warum sollten meine Kunden ausgerechnet dem Staat vertrauen, wenn es um ihre private Altersvorsorge geht?
Das ist kein Angriff auf den Staat generell. Aber Vertrauen muss man sich verdienen. Und das gesetzliche Rentensystem hat das in den letzten 30 Jahren nicht gerade mit Bravour hinbekommen.
Ein Thema, das kaum jemand auf dem Schirm hat: Nachgelagerte Besteuerung
Ich möchte noch einen Punkt ansprechen, der in der öffentlichen Diskussion fast komplett untergeht – aber für die Bewertung des Produkts relevant ist.
Das Altersvorsorgedepot ist nachgelagert besteuert. Das bedeutet: Die eingezahlten Beiträge können steuerlich geltend gemacht werden, die Auszahlungen im Rentenalter werden dann aber als Einkommen versteuert.
Auf den ersten Blick klingt das fair – du zahlst Steuern, wenn du das Geld bekommst, nicht wenn du es einzahlst. Und für viele Menschen, die im Rentenalter einen niedrigeren Steuersatz haben als im Berufsleben, ist das tatsächlich vorteilhaft.
Aber es gibt zwei Gruppen, für die das genau falsch herum ist.
Erstens: Menschen mit niedrigem Einkommen, die heute kaum Steuern zahlen. Für sie bringt der Steuerabzug beim Einzahlen wenig bis nichts – weil sie ohnehin kaum Steuerlast haben. Im Rentenalter müssen sie dann trotzdem die Auszahlungen versteuern. Netto kann das schlechter sein als ein normales ETF-Depot ohne staatliche Förderung.
Zweitens: Menschen, die im Rentenalter ein hohes Einkommen haben werden – zum Beispiel durch andere Einnahmequellen, Mieteinnahmen oder eine gute gesetzliche Rente. Für sie kann die Besteuerung im Rentenalter teurer werden als die Steuerersparnis beim Einzahlen.
Das bedeutet: Das Altersvorsorgedepot ist nicht für jeden gleich vorteilhaft. Ob es sich lohnt, hängt von deiner individuellen Steuersituation heute und deiner voraussichtlichen Steuerlast im Rentenalter ab. Diese Abwägung erfordert eine Analyse – und die macht kein Online-Rechner alleine.
Was das alles zusammen bedeutet
Was besser wird
Wo ich Fragezeichen habe
- ? Kostendeckel macht qualifizierte Beratung wirtschaftlich kaum darstellbar
- ? Proportionale Förderung hilft Gutverdienern mehr
- ? Staat als Produktanbieter – ordnungspolitisch fragwürdig
- ? Nachgelagerte Besteuerung ist nicht für jeden vorteilhaft
- ? Ohne Vertriebsinfrastruktur droht dasselbe Schicksal wie PEPP
Riester ist nicht nur wegen der Kosten gescheitert. Riester ist auch deshalb gescheitert, weil irgendwann niemand mehr da war, der es erklärt hat. Der Vertriebsmotor ist abgestorben. Die gleiche Gefahr sehe ich hier – nur dass das System diesmal so gebaut ist, dass dieser Motor gar nicht erst anspringen soll.
Altersvorsorge ist kein Produkt, das sich selbst erklärt. Das klingt nach einer Werbeaussage für mein Beratungsangebot – ist es aber nicht. Es ist schlicht die Realität, die ich in der täglichen Arbeit erlebe. Selbst Menschen, die finanziell grundsätzlich informiert sind, haben blinde Flecken, wenn es um Förderlogiken, Steuerwirkungen und Rentenprognosen geht. Das ist keine Kritik an diesen Menschen – das ist ein strukturelles Problem. Altersvorsorge ist komplex, die Auswirkungen zeigen sich erst in 30 Jahren, und kein Mensch beschäftigt sich freiwillig intensiv damit, solange es nicht brennt.
Für wen könnte das Depot trotzdem sinnvoll sein?
Ich möchte fair bleiben. Trotz aller Kritik gibt es Situationen, in denen das neue Altersvorsorgedepot tatsächlich Sinn ergibt. Ich wäre kein guter Berater, wenn ich das nicht auch sagen würde.
Das Depot kann interessant sein, wenn du ein mittleres bis hohes Einkommen hast und heute einen hohen Grenzsteuersatz zahlst, im Rentenalter aber voraussichtlich weniger versteuern wirst. Dann funktioniert die nachgelagerte Besteuerung zu deinen Gunsten.
Es kann sinnvoll sein, wenn du Kinder hast und die Kinderzulage voll ausschöpfen kannst – gerade in der Familienphase ist das eine attraktive Förderquote.
Und es kann als Ergänzung funktionieren – nicht als einzige Altersvorsorge, aber als geförderter Baustein neben einem ETF-Sparplan oder einer Fondspolice.
Was es nicht ist: eine Universallösung. Und was es nicht ersetzt: eine Analyse deiner konkreten Situation. Steuersatz heute, voraussichtliche Steuerlast im Rentenalter, Rentenlücke, andere Vorsorgebausteine – das alles gehört in eine Gesamtbetrachtung, bevor du entscheidest ob und wie viel du ins Depot einzahlst.
Was ich dir empfehle
Wenn das neue Altersvorsorgedepot ab 2027 startet, werde ich es mir genau anschauen. Die Details werden sich bis dahin noch mehrfach ändern – da bin ich mir ziemlich sicher. Das Gesetz ist beschlossen, aber die Durchführungsverordnungen und die konkrete Produktausgestaltung stehen noch aus.
Was ich dir heute schon sagen kann: Es wird kein Allheilmittel sein. Und es ersetzt keine Analyse.
Wenn du wissen willst, ob das neue Depot für dich sinnvoll ist, welche Förderung du real erwarten kannst, wie die nachgelagerte Besteuerung für dich konkret aussieht und ob es andere Wege gibt, die für deine Situation besser passen – dann reden wir. Nicht im Kommentar, sondern in einem echten Gespräch.
Grundlage: Beschlussempfehlung des Finanzausschusses vom 25. März 2026, Drucksache 21/4996.



