Du holst dir Angebote für eine fondsgebundene Rentenversicherung ein. Drei verschiedene Anbieter, alle mit demselben ETF, alle mit 6 % angenommener Wertentwicklung. Und trotzdem zeigt Angebot A am Ende 40.000 Euro mehr als Angebot B – obwohl beide denselben Fonds verwenden.
Wie kann das sein?
Das ist kein Druckfehler und auch kein Rechenfehler. Das ist der Unterschied zwischen Bruttomethode und Nettomethode. Und das ist ein Thema, das beim Angebote lesen die meisten komplett übersehen.
Was steckt hinter der Hochrechnung in einem Angebot?
Jedes Angebot für eine fondsgebundene Rentenversicherung enthält eine Modellrechnung – manchmal auch Beispielrechnung oder Hochrechnung genannt. Sie zeigt, was bei verschiedenen angenommenen Wertentwicklungen des Fonds am Ende rauskommt, typischerweise bei 2 %, 6 % und 9 % p.a.
Versicherer verwenden diese Hochrechnungen, um dem Kunden eine Orientierung zu geben. Das Problem: Es gibt keinen verbindlichen Branchenstandard dafür, wie genau gerechnet werden muss. Genauer gesagt: Welche Hochrechnungsmethode ein Versicherer verwendet, liegt in seinem eigenen Ermessen. Und er muss diese Methode nicht prominent ausweisen.
Das Institut für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) hat das in einer viel zitierten Analyse beschrieben und kommt zu einem klaren Urteil: Vergleiche auf Basis von Hochrechnungen sind in vielen Fällen irreführend – weil unterschiedliche Methoden zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen führen, ohne dass das auf den ersten Blick erkennbar ist.
Bruttomethode und Nettomethode: Der Unterschied im Detail
Jeder Fonds hat laufende Kosten. Die heißen TER – Total Expense Ratio. Bei einem günstigen ETF auf den MSCI World sind das aktuell rund 0,2 % pro Jahr. Bei aktiv gemanagten Fonds können es 1,5 % oder mehr sein.
Jetzt kommt der entscheidende Punkt.
Nettomethode: Die angegebenen 6 % Wertentwicklung werden so behandelt, als wären die Fondskosten darin bereits enthalten. Der Versicherer rechnet mit 6 % weiter und zieht die TER nicht nochmal ab. Das klingt erstmal vertretbar – ist aber irreführend, denn damit wird implizit angenommen, dass der Fonds vor Kosten 6,2 % erzielt (bei 0,2 % TER) oder gar 7,5 % (bei 1,5 % TER). Diese Bruttorendite steht nirgendwo im Angebot.
Bruttomethode: Hier werden die 6 % als Rendite vor Kosten behandelt. Die Fondskosten werden explizit abgezogen. Bei 6 % Wertentwicklung und 0,2 % TER rechnet das Angebot tatsächlich mit 5,8 %. Transparenter und realistischer.
Das IVFP bezeichnet die Bruttomethode ausdrücklich als die sinnvollere Variante – weil sie alle Kostenebenen korrekt berücksichtigt. Der Markt bewegt sich inzwischen mehrheitlich in diese Richtung, aber ein verpflichtender Standard existiert nach wie vor nicht.
Was das in Euro bedeutet
Die Differenz von einem Prozentpunkt klingt gering. Über 30 oder 37 Jahre macht der Zinseszins daraus eine erhebliche Summe. Bei einem Monatsbeitrag von 300 Euro und einer Laufzeit von 37 Jahren entspricht der Unterschied zwischen 6 % und 4,5 % Effektivrendite im Endwert leicht einem fünfstelligen Betrag – und das, bevor Versicherungskosten überhaupt ins Bild kommen.
Bei ETF-Policen mit günstigen Indexfonds hält sich der Effekt in Grenzen: 0,2 % TER bedeuten 0,2 Prozentpunkte Differenz zwischen den Methoden. Wer dagegen einen aktiv gemanagten Fonds mit 1,5 % TER hat, schaut auf eine Methodendifferenz von 1,5 Prozentpunkten – und das über Jahrzehnte.
Am Ende des Beitrags findest du einen Rechner, mit dem du das für deine eigenen Zahlen durchspielen kannst.
Das eigentliche Problem: Vergleiche werden unbrauchbar
Stell dir vor, du vergleichst zwei Angebote für eine fondsgebundene Rentenversicherung. Beide rechnen mit 6 % Wertentwicklung und demselben ETF. Angebot A verwendet die Nettomethode, Angebot B die Bruttomethode. Im Vergleichsprogramm steht: Angebot A hat eine höhere Ablaufleistung. Logische Schlussfolgerung: Angebot A ist besser.
Das ist falsch.
Angebot A sieht besser aus, weil es die Fondskosten gar nicht erst abzieht – nicht weil das Produkt tatsächlich besser ist. Und Vergleichsprogramme machen das Problem nicht besser: Sie beziehen ihre Zahlen direkt aus den Tarifsystemen der Versicherer, ohne die verwendete Hochrechnungsmethode zu kennen oder auszuweisen. Damit werden Äpfel mit Birnen verglichen, und das bleibt dem Leser verborgen.
Noch ein Punkt, der oft vergessen wird: Überschüsse
Neben der Hochrechnungsmethode gibt es einen weiteren Faktor, der Angebote schwer vergleichbar macht: Überschüsse.
Auch bei reinen Fondspolicen ohne Garantie gibt es Kosten- und Risikoüberschüsse – also Rückerstattungen aus der Versicherungskalkulation, die dem Vertrag gutgeschrieben werden. Diese fließen in der Regel in zusätzliche Fondsanteile. In der Hochrechnung wird angenommen, dass die aktuell deklarierten Überschusssätze über die gesamte Vertragslaufzeit konstant bleiben.
Das ist, vorsichtig ausgedrückt, optimistisch. Überschüsse sind nicht garantiert und können sinken oder wegfallen. Ein Versicherer mit aktuell hohen Überschüssen sieht im Vergleich besser aus als einer mit konservativerer Deklaration – auch wenn das über die tatsächliche Produktqualität wenig aussagt.
Was du beim Lesen von Angeboten beachten solltest
Schau ins Kleingedruckte. Manche Versicherer weisen die verwendete Methode aus – oft in einem einzelnen Satz, der leicht übersehen wird. Formulierungen wie „Wertentwicklung vor Abzug der Fondskosten” deuten auf die Bruttomethode hin, „nach Abzug der Fondskosten” auf die Nettomethode.
Schau auf die Effektivkostenquote. Diese ist nach § 2 VVG-InfoV vorgeschrieben und enthält alle Kosten des Versicherungsmantels – unabhängig davon, welche Hochrechnungsmethode verwendet wurde. Sie gibt an, um wie viele Prozentpunkte pro Jahr die Gesamtkosten deine Rendite mindern. Das ist der einzige standardisierte Vergleichswert, den du wirklich belastbar heranziehen kannst.
Und: Wenn du zwei Angebote vergleichst, frag nach der verwendeten Methode. Es klingt wie eine Kleinigkeit – ist aber der Unterschied zwischen einem fairen Vergleich und einem, der dir schlicht nicht weiterhilft.
Zum Ausprobieren: Der Rechner unten
Ich habe einen einfachen Rechner gebaut, mit dem du den Effekt selbst durchspielen kannst. Monatsbeitrag, Laufzeit, angenommene Wertentwicklung und Fondskosten (TER) eingeben – fertig.
Wichtig dabei: Es handelt sich um eine rein mathematische Modellrechnung auf Basis des Zinseszins-Effekts. Keine Versicherungskosten, keine Überschüsse, keine steuerlichen Effekte. Der Rechner zeigt ausschließlich den isolierten Effekt der Hochrechnungsmethode. Und der ist in vielen Fällen deutlicher als erwartet.
Brutto- vs. Nettomethode bei Fondspolicen
Zwei Angebote, dieselbe angegebene Wertentwicklung – trotzdem massiv unterschiedliche Ablaufleistungen. Hier siehst du, warum.
| Jahr | Eingezahlt | Nettomethode | Bruttomethode | Differenz |
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